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Gefährdung

Strahlenschildkröten sind stark von der Ausrottung bedroht und werden im WA (Washingtoner Artenschutzabkommen) Anhang I als bedrohte Art geführt. In der Roten Liste der IUCN wird die Art als kritisch gefährdet (CR, Critically Endangered) eingestuft. Die IUCN geht bei ihrer Einschätzung von einer Generationendauer von 42 Jahren aus. Über einen Zeitraum von 67 Jahren, der weniger als zwei Generationen umfasst, ist diese Art in 40 Prozent ihres Lebensraumes verschwunden. Bei gleichbleibend hoher Ausbeutung der wilden Populationen wird Astrochelys radiata in freier Wildbahn in naher Zukunft unweigerlich aussterben.

Gefährdung durch den Menschen

Adulte Strahlenschildkröten haben in freier Wildbahn, ausser dem Menschen, keine natürlichen Feinde. Schlüpflinge von Astrochelys radiata werden gelegentlich von Raubvögeln, Schlangen, Echsen, Krabben und kleinen Säugetieren aus der Familie der Eupleridae und Langusten gefressen. Dennoch ist die Art stark in ihrer Existenz bedroht. Die folgenden vom Menschen verursachten Faktoren tragen massgeblich zur Dezimierung und zum Aussterben der Art bei:

  • Auf Madagaskar steht die Art besonders wegen der Zerstörung der natürlichen Lebensräume unter Druck. Eine sich rasch ausdehnende, arme Bevölkerung beansprucht immer mehr Recourcen wie Land und Wasser für Siedlungen, Viehzucht, Acker- und Strassenbau. Brandrodung mit folgender Landerosion sind die Folge. Zum Kochen wird immer mehr Brennholz (Holzkohleherstellung) benötigt, was den Rückgang der Restwälder beschleunigt. Weit über 90 Prozent der natürlichen Lebensräume sind heute bereits vernichtet.

  • Invasive und vom Menschen eingeschleppte Arten wie z.B. verwilderte Haustiere (Hunde, Katzen, Schweine und Ratten) gefährden sowohl Nistgruben als auch Jungtiere. Eine extensive Viehzucht in den ohnehin schon kargen Habitaten von Astrochelys radiata schafft vermehrt Nahrungskonkurrenz mit Ziegen und Zebus. Nach einer Überweidung erholen sich die kahlgefressenen Trockenwälder, aufgrund von Wasserknappheit, nur langsam oder gar nicht mehr.

  • Als billige und leicht zugängliche, lebende Fleischreserve wird die Art auch von verschiedenen Stämmen als Lebensmittel genutzt. Gezielt werden vor allem adulte, reproduktionsfähige Exemplare aufgrund des höheren Fleischertrages in Reservaten gewildert und mit LKW an Orte gebracht, wo sie zum Verzehr geschlachtet werden. Das Fleisch dient zum Eigenverbrauch oder wird auf Märkten verkauft. Leider finden so jährlich tausende Strahlenschildkröten in heimischen Kochtöpfen ihr vorzeitiges Ende oder werden als teure Delikatesse (z.B. Schildkrötenleber-Paté) oder Naturmedizin nach Asien verkauft. Nur ganz im Süden Madagaskars, wo das natürliche Verbreitungsgebiet dieser Art sich mit dem der Stämme der Mahafaly und Antandroy deckt, ist sie noch häufiger anzutreffen. Für diese Stämme gilt der Verzehr von Schildkröten als ein religiöses «fady», ein absolutes Tabu.

  • Neben den lokalen Märkten stellen auch die internationalen Tiermärkte eine wachsende Bedrohung für den Bestand wilder Strahlenschildkröten dar. Gut organisierte Tierschmugglerringe sammeln ganze Schildkrötenpopulationen ab, lagern sie in Küstennähe in Verstecken, um sie anschliessend mit Schiffen abzutransportieren. Viele Tiere landen auf asiatischen Tiermärkten, von wo sie via internationaler Drehscheiben als Haustiere in die ganze Welt verfrachtet werden. Aufgrund erbärmlicher Transport- und Haltungssituationen in suboptimalen Zwischenstationen verenden viele Tiere bevor sie den Bestimmungsort überhaupt erreichen. Astrochelys radiata gehört weltweit zu den Top-Ten, der am häufigsten geschmuggelten Reptilien.

  • Nicht zu unterschätzen sind auch die Folgen der Klimaerwärmung: Ob aus einem Ei ein Männchen oder ein Weibchen schlüpft, wird bei Schildkröten nicht über die Geschlechtschromosomen, sondern über die Bruttemperatur bestimmt. Steigende Temperaturen beeinflussen deshalb die Zusammensetzung einer Population und damit das Überleben von Arten. Durch eine weitere Erderwärmung trocknen die ohnehin schon sehr regenarmen Habitate von Astrochelys radiata noch mehr aus, so dass ein Überleben auch für angepasste Spezialisten in diesen ariden Zonen kaum noch möglich sein wird.

Schutz- und Nachzuchtprogramme

Obwohl der Raubbau von endemischen Tieren und Pflanzen sowie die Zerstörung der Habitate auf Madagaskar in beunruhigendem Ausmass anhält, scheint die Arterhaltung von Astrochelys radiata durch gezielte Nachzuchtprogramme in Reservaten und Nationalparks sowie Zoos und mittlerweile auch auf privater Ebene gesichert zu sein. Von grosser Bedeutung und Nachhaltigkeit sind vor allem Naturschutzprojekte vor Ort, die mit Hilfe und Sensibilisierung der lokalen Bevölkerung auch den Schutz und die Erhaltung des natürlichen Lebensraum miteinbeziehen. Dank Aussetzungen durch lokale Zuchtfarmen nimmt der natürliche Bestand seit den achtziger Jahren wieder zu. Ausserdem wird der Erhalt der Strahlenschildkröte seit 1985 mit einem Zuchtprogramm von internationaler Bedeutung, dem «Species Survival Plan SSP», gefördert. Es gibt auch diverse Auffangstationen für die Wiedereinführung von beschlagnahmten Tieren in Ifaty, die auch von Touristen besucht werden können. Die Turtle Survival Alliance (TSA) ist ebenfalls eine vor Ort tätigen Artenschutzorganisation, die sich für die Pflege und medizinischen Versorgung von beschlagnahmten Exemplaren, der Erweiterung von Auffangstationen und Suche nach geeigneten Gebieten für die Auswilderung einsetzt. In Madagaskar arbeitet auch die Turtle Conservancy mit dem Durrell Wildlife Conservation Trust (DWCT) zusammen, um die noch existierenden natürlichen Schildkrötenpopulation zu erfassen und vor dem Aussterben zu schützen. Die Turtle Conservancy engagiert sich in der Aufklärung lokaler Gemeinschaften und in der Tierkennzeichnung, um die illegale Wilderei einzudämmen. Die unmittelbaren Ziele sind, die Wilderei zu stoppen und Tiere aus illegalen Sammlungen zurückzufordern und sie in akkreditierte Zuchtprogramme zu bringen.

FAQ zum Themenbereich Gefährdung

FAQ «…Schildkröten sind keine Haustiere sondern Wildtiere und gehören in ihr natürliches Biotop. Wenn überhaupt sollten solche Tiere nur in professionellen Einrichtungen wie Zoos oder Naturreservaten gehalten werden. Warum halten, züchten und verkaufen Sie streng geschützte Strahlenschildkröten?»2022-04-11T08:53:36+02:00

Die Haltung und Zucht von streng geschützen Wildtieren ausserhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes wird in der Tat zu Recht äusserst kontrovers disskutiert. Mit Sicherheit ist es unbestritten, dass sich Tiere immer im natürlichen Lebensraum am wohlsten fühlen und auch die besten Chancen auf Vermehrung und Fortbestand haben. Was aber, wenn der natürliche Lebensraum immer weniger bzw. bald nicht mehr existent ist und die Art aufgrund verschiedener Umstände und Faktoren weiterhin unaufhaltsam dezimiert wird? Was, wenn die Zerstörung der Biotope bereits so weit fortgeschritten ist, so dass die Tiere ohne die Hilfe des Menschen nicht mehr überleben können? Reichen die letzten, verblieben Trockenwälder in Naturschutzreservaten tatsächlich aus um eine genetische Vielefalt zu erhalten und somit das Überleben einer Art auch in Zukunft zu garantieren? Gibt es zur Arterhaltung tatsächlich keine Alternativen als überfüllte, madagassische Auffang- oder Zuchtstationen, mit mangelden Recourcen und ohne Aussicht auf eine sichere Auswilderung?

Es ist wahrlich ein Dilemma, denn ohne vollumfänglichen Schutz, den Erhalt und die Erweiterung der natürlichen Lebensräume auf Madagaskar wird Astrochelys radiata immer eine Wackelkandidatin auf der Artenschutzliste bleiben! Auch internationale Konventionen und restrektive Verbote, die den Handel und die Nutzung der Tiere regulieren, können das Aussterben dieser Art nicht verhindern solange die natürlichen Habitate auch in Zukunft intakt und existent bleiben. Tatsache ist, dass ohne das rechtzeitige Eingreifen, den sofortigen Schutz, sowie gezielte Nachzuchtprogramme in den vergangenen Jahren auch die Madagassische Strahlenschildkröte bereits von diesem Planeten verschwunden wäre. Vermutlich ist die einzige Legitimation für die Haltung und Zucht von Astrochelys radiata ausserhalb von Madagaskar, dass dadurch die schwindenden, natürlichen Bestände vor Ort geschont werden und dass mit jeder legalen Nachzucht eine Entnahme aus der Natur überflüssig wird und somit ganz nebenbei auch der weltweite Tierschmuggel etwas mehr zum Erliegen kommt. Sollten lokale Strahlenschildkrötenpopulationen schneller als erwartet aussterben und madagassische Zuchtstationen längere Zeit aus tierseuchentechnischen Gründen unter Quarantäne stehen, könnte sich die Schaffung und Erhaltung von unterschiedlichen, genetischen Strahlenschildkrötenpools ausserhalb von Madagaskar plötzlich als äusserst nützlich erweisen.

Tatsächlich haben sich in den letzen Jahren auch unsere Prioritäten und Sichtweisen in Bezug auf die Haltung und Zucht von madagassischen Strahlenschildkröten stark gewandelt. Der anfängliche ambitionierte Fokus auf gezielte Nachzuchtprogramme liegt heute vermehrt auf einer artgerechten und naturnahen Haltung dieser wunderschönen Tiere. Heute nutzen wir unsere gesammelten Erfahrungen mit Astrochelys radiata hauptsächlich für das Vermitteln und den Austausch von Wissen. In dem Sinne steht auch diese Homepage als Informationsplattform allen Interessent*Innen zur freien Verfügung. Zugegeben sehen wir heute aus einer moralischen und tierethischen Sicht auch unsere Strahlenschildkrötenhaltung in der Zentralschweiz vermehrt kritisch an. Ist es tatsächlich sinnvoll unter grossem, energietechnischen Aufwand eine streng geschützte Species zu halten, die so gar nicht in unsere Breitengrade gehört? Hätten wir die Gewissheit, dass von heute an alle Strahlenschildkröten auf Madagaskar in Sicherheit wären, würden auch wir nach Mitteln und Wegen suchen um unsere Zuchtgruppe wieder in ihre ursprüngliche Heimat zu überführen.

2022-04-22T06:48:47+02:0021.06.2021|Astrochelys radiata|
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