Eine spannende Sache

Das Ausbrüten von Strahlenschildkröteneiern ist unglaublich spannend und erfordert viel Geduld, denn eine sichere Prognose über die Brutdauer lässt sich nicht machen. Die Eier eines Geleges können unterschiedlich lange für ihre Entwicklung brauchen (Bimodale Entwicklung). Diese Variable im Brutzyklus könnte eine Anpassung an einen extrem trockenen Lebensraum sein, wobei unterschiedliche Entwicklungszeiten eventuell das Schlüpfen in nahrungsreichen Regenperioden begünstigen sollen. Es ist auch gut möglich, dass die Entwicklung des Embryos reizgesteuert ist, d.h durch das Ansteigen bzw. Abfallen von Temperatur und Feuchtigkeit iniziert wird. Besonders populär und auch empfehlenswert ist deshalb das Bebrüten nach madagassichen Jahreszeiten. In der Emys Ausgabe Jahrgang 9 / Heft 2 / April 2002 wird diese Methode detailliert beschrieben (ausser das wöchentliche Besprühen des Brutsubstrates während den Monaten August bis November hat sich bei mir überhaupt nicht bewährt).

Ich persönlich inkubiere Strahlenschildkröteneier deshalb wie folgt:

Nach der Eiablage werden die Eier vorsichtig ausgegraben, ohne
sie zu drehen mit warmen Wasser gesäubert, an der Oberseite 
markiert und in mit Vermiculite gefüllte Plastikschalen überführt. 
Alternativ eignen sich auch andere grobkörnige Substrate wie
Blähton, Sand, usw.. Substrate, die zuviel Feuchtigkeit aufnehmen,
wie Gartenerde, Torf, etc. sind ungeeignet. Auch das Eingraben
der Eier in das Substrat (Bildung von Staunässe) hat sich bei mir
nicht bewährt. Ich setze die Eier einfach auf grobes Vermiculite
und kuhle sie nur leicht ein, so dass sie nicht wegrollen können.
Zum Bebrüten verwende ich einen Brutapparat von Jaeger Brut-
technik Model FB 80 mit Tag- Nachtabsenkung. Während 14
Stunden werden die Eier bei 31°C - 32°C und für 10 Stunden
bei 28°C - 29°C inkubiert. Die Luftfeuchtigkeit beträgt ca. 80%.
Das ringförmige Wasserreservoir des Brutapparates bleibt immer
ganz gefüllt. Die Eier werden jedoch nicht besprüht und das 
Substrat auch nicht extra angefeuchtet. Wassertropfen, welche
sich um die Eier ansammeln und stauen könnten sollten unbedingt
vermieden werden.

Unabhängig von der Jahreszeit werden alle Eier zuerst unter den oben beschriebenen Bedingungen angebrütet. Ohne die Eier zu bewegen, kontrolliere ich die Entwicklung mittels durchleuchten mit einer kleinen LED Taschenlampe einmal wöchentlich. Eier, deren Schale hochweiss scheinen und sich im Innern eine helle Binde abzeichnet, sind befruchtet und haben gute Chancen auf Weiterentwicklung. Schon bald sind bei diesen Eiern, beim Durchleuchten feine, rote Adern zu erkennen. Aus diesen Eiern können dann schon nach 120 Tagen Jungtiere schlüpfen.

Eier, die keine sichtbare Entwicklung zeigen werden bis 6 Monate unter den oben beschriebenen Bedingungen bebrütet. Sollten innerhalb dieser Zeit keine Adern sichtbar werden, überführe ich die Eier in einen zweiten «kalten» Brutapparat, der Temperaturen von minimal 10°C, maximal 15°C und eine Luftfeuchtigkeit von 50% konstant hält. Unter diesen kühlen Bedingungen belasse ich die Eier für 2 Monate. Danach überführe ich sie wieder in den ersten «warmen» Brutapparat und brüte nochmals unter den höheren Temperaturen. Diese Eier beginnen sich dann oft spontan zu entwicklen. Es ist aber auch möglich Eier, die sich zunächst nicht zu entwickeln scheinen, weiterhin im ersten «warmen» Brutapparat zu belassen. Dann benötigen die Eier meistens sehr lange um sich zu entwickeln. Bei mir benötigen solche Eier meist über ein Jahr bis sie zum Schlupf kommen. In der Literatur werden sogar Brutzeiten bis zu 560 Tage (!) beschrieben.

Die genauen Zusammenhänge und Gründe dieser unterschiedlichen Brutzeiten scheinen noch immer relativ unerforscht zu sein. Konkret frage ich mich auch wie sinnvoll es in der freien Natur wohl ist, wenn ein Teil der Babyschildkröten früher schlüpft und die verbleibenden Eier quasi in einem geöffneten Nest zurückbleiben? Durch den Schlupfvorgang und das Ausgraben der Gelegegeschwister müsste sich doch das Brutklima in der Nistgrube ziemlich verändern? Auch für Fressfeinde scheint mir dadurch die Türe zu den noch nicht entwickelten Eiern erst recht geöffnet. Haben die verbleibenden Eier tasächlich eine reale Chance auf Weiterentwicklung oder hat sich diese Art von Verlust evolutionär bewährt? 

Experimentelle Ansätze

Obwohl ich mit meinem Nachzuchtprogramm zufrieden bin, kann ich nicht behaupten, dass ich mit der oben beschriebenen Methode immer eine «sichere» 100% Schlupfrate erziele. Oft entwickeln sich nur die eine Hälfte eines Geleges und die andere Hälfte überhaupt nicht. Einige Eier verderben oder trocknen einfach aus. Relativ häufig ist in einem Gelege ein einziges Ei dabei, dass unbefruchtet ist (von Anfang an eine dunklere Farbe aufweist). Manchmal sterben Embryonen während der Entwicklung oder kurz vor dem Schlupf ab und vertrocknen im Ei. Ursache dafür könnten zu hohe Temperaturen während Ende der Brutzeit sein. Evtl. wäre es sogar sinnvoll die Bruttemperatur vor einem Schlupf künstlich zu senken. Auf jeden Fall würde ich die Eier niemals zu früh verwerfen. Erst wenn sie ausgetrocknet sind oder zu riechen beginnen kann man sie mit gutem Gewissen öffnen und entsorgen.

Geschlechtspezifisches Brüten

Aufgrund des offensichtlich akuten Weibchenmangels habe ich begonnen seit 2009 die meisten Eier vermehrt hochtemperaturig auszubrüten. Obwohl bei dieser Art noch nicht mit Sicherheit bekannt ist, ab welchem Scheitelpunkt vermehrt Weibchen gezeitigt werden, belasse ich die Höchsttemperatur von 33.5-34.5 für längere Zeit. Danach erfolgt wieder eine kürzere Absenkung auf 29.5 Grad Celsius. Im Moment kann ich zu dieser Methode nur sagen, dass bei konstanten hohen Bebrütungstemperaturen die Embryonen regelmässig absterben. Eine Nachtabsenkung der Temperatur scheint unerlässlich zu sein. Evtl. wäre es auch möglich die Embryonen während der ersten 2/3 der Brutdauer bei konstanten 33.5 Grad Celsius anzubrüten und für das letzte drittel runter auf 29 Grad Celsius zu gehen.

Embryonen die abgestorben sind und Jungtiere, die nicht überleben, lasse ich post mortem jeweils immer auf ihr Geschlecht untersuchen. Die bis anhin mit den oben erwähnten Temperaturen gezeitigten Tiere, welche untersucht werden konnten, scheinen tatsächlich alle Weibchen zu sein. Für eine aussagekräftige und signifikante Statistik müssten aber noch weitere Tiere untersucht werden können. 

Panzer Anomalien

Aufgrund von sehr hohen Bebrütungstemperaturen über einen längeren Zeitraum, können vermehrt Panzeranomalien auftreten. Bei einer Brutemperatur von 33.5 bis 34 Grad Celsius für 18 Stunden und einer Nachtabsenkung auf 29.5 Grad Celsius für 6 Stunden treten zusätzliche sowie geteilte Schilde häufiger auf. Diese Anomalien sind jedoch für die Tiere absolut unproblematisch und neben der individuellen Strahlenzeichnung ein zusätzliches und prägnantes Erkennungsmerkmal.

In meiner Zucht habe ich bis jetzt nur weibliche Strahlenschildkröten mit Panzeranomalien, d.h. mit zusätzlichen und/oder geteilten Schildern gesehen. Es wäre für mich interessant zu wissen, ob jemand auch männliche Tiere mit Schildanomalien besitzt. Falls jemand ein solches Tier hat, würde mich ein Erfahrungsaustausch sehr interessieren.

Weibchen mit Schildanomalien geben diese nicht an ihre Nachkommen weiter. Anomalien scheinen in meiner Zucht ausschliesslich im Zusammenhang mit hohen Bebrütungstemperaturen aufzutreten.