Männchen oder Weibchen?

» Slide: Links Männchen, rechts Weibchen

Adulte Männchen haben einen konkaven Plastron, einen sichelförmigen Schwanz, wulstige Analschilder mit einem breiteren Winkel und etwas verlängerte und ausgeprägtere Gularschilder. Der Kopf wirkt im Vergleich zum Weibchen eher massig. Männchen sind im Verhätniss oft grösser und schwerer.

Adulte Weibchen haben einen eher flachen Plastron, einen kurzen spindelförmigen Schwanz, flache Analschilder mit einem eher spitzen Winkel und im Vergleich zum Männchen ein weniger ausgeprägtes Gularschild. Die Köpfe der Weibchen sind manchmal etwas schmaler und im Verhältnis sind Weibchen kleiner und leichter als Männchen.

Das Geschlecht von Strahlenschildkröten ist jedoch in der Praxis auch von erfahrenen Haltern nicht immer leicht zu bestimmen. Vorallem Jungtiere sind kaum mit Sicherheit einzuordnen. Aber auch adulte Exemplare sorgen manchmal für ziemliche Verwirrung. Zu jedem der oben aufgezählten Differenzierungsmerkmalen scheint es Exemplare zu geben, die entweder uneindeutige oder beinahe gegenteilige Merkmale aufweisen. So gibt es Weibchen, die konkave und Männchen, die annähernd flache Plastern haben. Ist dann noch die Schwanzlänge nicht eindeutig kurz oder lang, ist guter Rat teuer. Das deuten der Anal-
schildwinkel scheint mir bei Astrochelys radiata eine der ungenausten und willkürlichsten Bestimmungsmethoden zu sein. Schätzungsweise sind mindestens 2/3 aller in Gefangenschaft gehaltenen und nachgezüchteten Strahlenschildkröten Männchen.

Bei unsicheren Weibchen hat man oft erst bei der ersten Eiablage 100% Gewissheit. Subadulte Männchen scheinen sich in Abwesenheit dominanter, grosser Männchen oder beim umplazieren in neue Gruppen schneller zu erkennen zu geben. Manchmal stimuliert noch nicht geschlechtsreife Männchen das Überbrausen mit warmen Wasser dazu ihren Penis auszustülpen.

Auf jeden Fall sind endoskopische Massnahmen zur vorzeitigen Geschlechtsbestimmung (Eröffnung der Bauchhöle durch ein Hinterbein usw.) aus ethischen Gründen abzulehnen. Ich rate deshalb die Tiere gesamtheitlich zu betrachten und sich in Geduld zu üben.

Gruppenzusammensetztung

» Slide: Ausgestülpter Penis eines adulten Männchens

Die bei Landschildkröten oft angewandte Formel, mehere Weibchen auf ein Männchen, halte ich bei einem Zuchtprogramm von Astrochelys radiata nicht als optimal, zumal diese Formel bloss deshalb häufig angewendet wird, weil Züchter glauben, dass sich mehere Weibchen gegenseitig vor stürmischen Paarungsattacken der Männchen entlasten können, bzw. nicht immer das gleiche Weibchen bepaart wird. Dies ist jedoch in der Schildkrötenhaltung meistens eher Ausdruck von Platzmangel und fehlender Separationsmöglichkeiten.

Berücksichtigt man den komplexen Kommentkampf, das ritualisierte Paarungsverhalten und die reizabhängigen Paarungsfaktoren (Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit) von Astrochelys radiata, wird schnell klar, dass für eine efolgreiche Paarung mehere Männchen in einer Gruppe von Vorteil sind. Nur Männchen, die sich gegenseitig im Kampf hochstimmuliert haben schreiten vermehrt erfolgreich zur Paarung. Ausserdem lenken mehere Weibchen in einer Gruppe oft die Aufmerksamkeit der Paarungsbereiten Männchen gegenseitig voneinander ab, so dass die Chance auf die ohnehin seltenen, erfolgreichen Paarungen nochmals minimiert werden. 

Unter der Voraussetzung einer genügend grosser Anlage erachte ich eine Gruppe von 3.2 Tieren als vorteilhaft. Obwohl Astrochelys radiat eine eher pazifistische Landschildkröte ist, sollten die Geschlechter und zeitweise auch die Männchen  untereinander zur Reizsteigerung getrennt werden. Hält man Strahlenschildkröten beiderlei Geschlechts längere Zeit unter reizarmen bzw. immer gleichen Bedingungen zusammen, so gewöhnen sich die Tiere, einem alten Ehepaar gleich, derart aneinander, dass Paarungsversuche mit der Zeit völlig ausbleiben. In einer reizarmen Umgebung sind deshalb auch reine Männergruppen von Astrochelys radiata meist problemlos möglich. Das Halten mehrerer potenter Männchen in einer Zuchtgruppe erhöt meines Erachtens die Chancen auf eine erfolgreiche Paarung bzw. Befruchtung wesentlich.

Ich konnte bei meinen Tieren beobachten, dass vorallem zwei Weibchen von den Männchen bevorzugt werden. Erst wenn diese beiden Tiere abgetrennt werden konzentrieren sich die Männchen auch auf andere Weibchen. Gefühlsmässig scheinen die forcierten Paare auch weniger gut zu harmonieren. Die beiden bevorzugten Weibchen haben auch deutlich mehr Gelege. 

Geschlechtsreife

In der Literatur wird die Geschlechtsreife von Weibchen in Gefangenschaft ab 8 Jahren angegeben. Ich persönlich glaube jedoch, dass das Reifealter höher anzusetzen ist, so ca. ab 12 Jahren und ab einem Körbergewicht von 5 kg. An dieser Stelle sei jedoch nochmals darauf hingewiesen, dass weibliche Strahlenschildkröten unter ungünstigen Bedingungen, z.B. ausbleiben von Jahreszeiten, nicht oder sogar nie zyklisch werden. Das resorbieren des Eidotters soll im Körper von Strahlenschildkrötenweibchen möglich sein.

Bei Männchen scheint die sexuelle Reife erst ab dem 15. Lebensjahr einzutreten. Jedoch können sich diese vermutlich erst ab einer bestimmten Grösse und gesammelter Erfahrung erfolgreich fortpflanzen. Männchen ab 30 cm Stockmass und einem Alter ab 20 Jahren sind bei Paarungsversuchen erfolgversprechend. Es gibt jedoch immer wieder Männchen, die sich aus ungeklärten Gründen, als absolute Paarungsmuffel erweisen. Vermutlich müssen mehere, verschiedene Reizfaktoren (Licht, Temperatur, Feuchtigkeit, Rivalen, Partnerin usw.) stimmen, damit diese zur Paarung animiert werden können. Der Erfolg zur Vermehrung von Astrochelys radiata liegt bei potenten und paarungswilligen Männchen.