70-80% Luftfeuchtigkeit

Eine möglichst natürliche und hohe Luftfeuchtigkeit zu erzielen, gestaltet sich in der Haltung von Strahlenschildkröten nicht immer einfach. Im Biotop von Astrochelys radiata entsteht die Luftfeuchtigkeit eigentlich nicht durch Verdunstung von Bodenfeuchtigkeit (Ausnahme in der Regenzeit), sondern durch Sublimation von feuchter Luft. Konkret verdunstet Meerwasser durch die intensive Sonneneinstrahlung an der Südwestküste Madagaskars. Diese feuchte Luft gelangt durch Winde in die Küstenregion sowie ins Landesinnere. Durch das Tag-/Nachtteperaturgefälle bzw. das Gefälle von Luft-/ Bodenteperatur sublimiert die feuchte Luft in Form von Nebel am frühen Morgen an der Vegetation und eben am Schildkrötenpanzer. Der Boden ist deshalb nur am Morgen kurz feucht und trocknet mit zunehmender Sonneneinstrahlung auch rasch wieder ab. Die Feuchtigkeit ist also sowohl am Tag als auch in der Nacht hauptsächlich in der Luft vorhanden.

Ein häufiger Fehler in diesem Zusammenhang ist deshalb das übermässige anfeuchten von ungeeigneten Substraten wie Rinde, Mulch, Torf usw. in geschlossenen Behältern. Durch Wärmequellen verdunstet das im Substrat gespeicherte Nass und kondensiert wieder an der Terrariendecke und gelangt durch abtropfen wieder in das Substrat zurück. Es entsteht ein mehr oder weniger geschlossener Kreislauf, in dem Bakterien zu zirkulieren beginnen. Diese können dann über die Atmung der Schildkröte aufgenommen werden und die Tiere ernsthaft krank machen. Es ist deshalb besser, die Tiere in klimatisierten, grossen Räumen zu halten. Sollte dies nicht möglich sein, ist bei einer Terrarienhaltung von Jungtieren auf eine gute Lüftung zu achten. Auch sollte nicht das Substarat exzessiv angefeuchtet werden, sondern jeden Morgen regelmässig (evtl. auch am Abend) der Schildkrötenpanzer sanft angesprüht werden. Auch ein per Schaltuhr gesteuerter Luftbefeuchter oder Vernebler kann helfen die Feuchtigkeit in der Luft hoch zu halten. Staunässe sollte unbedingt vermieden werden. Eine konstant hohe Luftfeuchtigkeit bei einem rasch abtrocknenden Substrat ist das Ziel.

Während des europäischen Winters simuliere ich meinen Tieren im Grossrauminnengehege einen madagassischen Sommer. Dazu gehört eine Luftfeuchtigkeit von ca. 70%-80%. Dies erreiche ich problemlos durch eine üppige Bepflanzung mit Hibiskus, Kakteen, Malven, Sukulenten, usw. Diese auf dem Boden stehenden, jedoch für die Schildkröten nicht zugänglichen, Topfplanzen werden regelmässig begossen und speichern in ihrem Substrat Feuchtigkeit, welche vorzu in den Raum abgegeben wird. Ein weiterer Vorteil einer Innenbepflanzung mit Futterpflanzen ist, dass auch in der kalten Jahreszeit abwechslungsreiches Frischfutter zur Verfügung steht. Zusätzlich wird auch das Substrat des Eiablageplatzes regelmäsig angefeuchtet. Darunter befindet sich eine Bodenheizung, welche für eine gleichmässige und flächige Verdunstung sorgt.

Zweimal wöchentlich wird der ganze Boden des Innengeheges mit warmem Wasser abgespritzt und gereinigt. Durch das sanfte Bodengefälle fliesst das Wasser in einen Schacht ab. Dabei bleibt auch immer etwas Restwasser zurück, welches mittels der Bodenheizung rasch abtrocknet und ebenfalls in den Raum verdunstet. Es sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Tiere auf keinen Fall Staunässe ausgesetzt werden und auch Nachts nicht nass liegen. Kühle Temperaturen in Verbindung mit Feuchtigkeit bekommt den Tieren schlecht.

Das Erhöhen der Luftfeuchtigkeit wirkt bei meinen Tieren stehts äusserst stimmulierend und löst meistens spontane Paarungen aus. Vorallem die Männchen reagieren sehr auf das Ansteigen der Luftfeuchtigkeit. Grundsätzlich können mit dieser Methode Strahlenschildkröten jederzeit künstlich zur Paarung animiert werden. Auch vor, während und nach warmen Sommergewittern können aufgrund der erhöhten Luftfeuchtigkeit vermehrt Paarungsaktivitäten beobachtet werden. 

Auch bei der Aufzucht spielt die Luftfeuchtigkeit eine wesentliche Rolle. Ist die Luftfeuchtigkeit über einen längeren Zeitraum zu gering, neigen Jungtiere von Astrochelys radiata, unabhängig von der Ernährung, zu Höckerbildung. Ich vermute, dass in freier Wildbahn sich Jungtiere hauptsächlich unter verottendem Laub und anderen abgestorbenen Pflanzenteilen aufhalten. Dort herrscht auch bei Trockenheit ein relativ gemässigtes Mikroklima, was das Wachstum begünstigt. Meine Schlüpflinge kuhlen sich gerne unter Blättern bis zur Hälfte ins Bodensubstrat ein und kommen nur zum Fressen, Trinken und Aufwärmen aus ihren Verstecken. Besonders unter Rindenstücken, wo sich die Feuchtigkeit und Wärme in Bodennähe in einem idealen Verhältnis gut hält versammeln sie sich gerne in Gruppen. Eine ausgewogene Luftfeuchtigkeit mit unterschiedlichen Wärmezonen lässt sich in geschlossenen Glasterrarien nur schlecht bewerkstelligen. Deshalb ziehe ich meine Jungtiere in grossen, offenen Wannen im Schildkrötenhaus auf.